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„Gedanken zum Transitus – Feier des Heimgangs des heiligen Franziskus von Assisi“

Anlässlich der  Transitusfeier zum 800. Todestag des heiligen Franziskus von Assisi am Samstag, den 3. Oktober 2026, teilt Provinzoberin Schwester M. Angela Benoit ihre Gedanken in einem Brief:

Liebe Schwestern, liebe Koinonia-Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinschaft,

es ist mir ein Anliegen, zu diesem hohen Festtag: 800 Jahre Transitus des hl. Franziskus, diesen Brief zu schreiben. Zunächst möchte ich dem hl. Paulus das Wort geben:

„Ich bin mit Christus gekreuzigt worden.
Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.
Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes,
der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.
Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise; Denn käme die Gerechtigkeit
durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben.“ Gal 2, 19b – 21;

800 Jahre franziskanische Nachfolge

800 Jahre feiern wir in der franziskanischen Nachfolge und in der Kirche in frohem Gedenken diesen Augenblick seines Sterbens, ja, wir feiern diesen Augenblick seines Todes, seinen „Transitus“, diesen Übergang in die Fülle des Lebens bei Gott. Das ist unser fester Glaube, das dies im Augenblick des Todes geschieht, – auch wenn wir selbst in der Trauer des Abschieds oftmals gefangen sind. Das ist menschlich, allzu menschlich.

Wir alle werden schon einmal in der Nähe eines sterbenden lieben Mitmenschen verweilt, ja ausgehalten haben, wurden Zeuge dieser unmittelbaren Wandlung im Sterben, durften diesen tiefen Frieden im Antlitz erfahren. Berührt werden wir alle bestätigen, es ist ein heiliger Übergang, der uns ganz still sein lässt!

Wir dürfen das fest glauben, Christus lebt in mir, lebt in meinem Fleisch und Blut, das wurde uns soeben im Galaterbrief vom hl. Paulus zugesprochen. Und Christus hat sich in Liebe für uns Menschen hingegeben. – Auch uns lädt er zu dieser Hingabe ein, einen jeden von uns – damit er, wie wir es hörten, nicht vergeblich gestorben ist – nicht vergeblich für mich! Das ist, was wir glauben! In dieser Einladung, es ihm gleich zu tun, füreinander da zu sein, sich einzusetzen, genau hierin öffnet sich für uns das Leben, Beglückung, Erfüllung.

Wenn wir heute den Transitus des hl. Franziskus feiern, blicken wir auf das Ende seines Lebens, seiner vielen Lernerfahrungen mit diesem liebenden Gott. Auch für Franziskus war Gott oftmals unverständlich, fühlte er sich überfordert, zu heftig herausgefordert. So manchen Kampf hat er gekämpft und durchlitten, – dennoch, immer aufs Neue wurden ihm am Ende solcher harten Prozesse, die auch sein Leben reifen ließen, diese lichtvollen Übergänge, Durchbrüche geschenkt – diese tiefe Erfahrung und Gewissheit:

Gott ist Liebe, Gott ist treu, dem Menschen nahe! – Und – Gott will, dass ich das Leben habe, das Leben in Fülle! (vgl. Joh 10,10b)

Auf diese Fülle hin ist Franziskus gewachsen, durch viele mutige Wagnisse hat er hoffen und vertrauen gelernt, wurde ihm die Gewissheit zuteil,

Gott lebt in ihm und wirkt durch ihn in diese Welt hinein. Und Gott will, dass wir mit ihm, in seiner Liebe diese Welt aktiv mitgestalten!

  • Hörend, gehorchend dem, der in mir lebt und wirkt, wachse ich ein Leben lang auf diese Lebensfülle hin, von Transitus zu Transitus könnten wir auch sagen.

Diese innere Gewissheit, dieser Spürsinn, was mich leben lässt und was Leben in mir eher blockiert, das ist uns allen gegeben!

Dennoch, es ist in der Tat nicht einfach, das Einfache einfach zu tun, diesen inneren Impulsen, die da in mir ganz klar aufsteigen, zu folgen, sie ernst zu nehmen. So manches mischt sich da ein, hindert mich. Ehrliches Hinschauen ist gefragt und erkennen wollen, was mich hindert, blockiert. Wahre Selbstliebe zu lernen, ist die Kunst. – Das fordert Ehrlichkeit, einen konsequenten Gehorsam mir selbst gegenüber. Und dann erkenne ich zutiefst, es ist ein Gehorsam, der Leben befreit! – der zum Leben befreit, und der mich befähigt, Welt zu gestalten.

Franziskus betet sozusagen „wiederkauend“ lebenslang folgendes Gebet und lehrt es uns:

Gib mir, Herr, Gespür und Erkennen,
dass ich erfüllen möge
deinen heiligen und wahrhaften Auftrag.

Wer war Franziskus in jungen Jahren und welche Charaktereigenschaften halfen ihm, zu solcher Tiefe und Lebensfülle zu gelangen, zu einem solchen Gottes- und Weltbild, das uns bis heute in der franziskanischen Familie prägt und zunehmend von vielen geteilt wird.

Franziskus war ein lebensfroher Mensch voller Tatendrang, ein Anführer der Jugend, heißt es, einsatzbereit und auffallend einfühlsam, ja feinfühlig. Hatte einen Sinn für Recht und Unrecht. Ließ sich früh mitreißen gegen den damaligen Adel aufzustehen, weil ihr Verhalten als Unrecht empfunden wurde. Er beteiligte sich mit Gewalt, zog mit in den Städtekrieg und geriet in Gefangenschaft. Ein erschütternder Einbruch in seinem Leben, eine depressive Lebensphase schüttelte ihn zutiefst.

Und dann geschieht etwas für mich Entscheidendes, das ihn auszeichnet und uns Lehrstück ist. Zurück ins Leben will er nun Ritter werden, sich einsetzen für einen großen und guten Zweck – vom damaligen Gesellschaftsverständnis betrachtet, noch ziemlich die eigene Ehre suchend. Mit Pferd und Rüstung vom stolzen Vater ausgestattet, lässt er sich feierlich aussenden. – Und dann geschieht das für mich Besondere, da meldet sich seine charakterliche Stärke wie ich meine. In der ersten Nacht hat er einen Traum, wie er später bekennt, ich würde übersetzen, ging ihm auf, da stimmt etwas nicht, ich muss umkehren.

Und er kehrt um, verschenkt Rüstung und Pferd und kommt zu Fuß in seine Stadt zurück – mit leeren Händen – ohne zu wissen, was nun. Dazu gehört nicht nur Mut.

Bei Assisi-Fahrten mit vielen Jugendlichen, später auch mit den Mitarbeiterinnen, haben wir uns diesem Ereignis gestellt. Wir sind zum Stadttor hinausgegangen und mit der Frage im Herzen schweigend zurück in die Stadt – wie fühlt sich das an? Habe ich den Mut, ein Ziel im Auge oder auch nur eine Meinung, die ich vehement vertrat, zurückzunehmen und zu bekennen, ich habe mich geirrt?

Diese Ehrlichkeit des Franziskus, diese Freiheit hat mich früh gepackt. Ich bin mir ziemlich sicher, sie ist ein absoluter Schlüssel in seinem Leben, den ich auf vieles übertragen kann.

Diese Haltung hat ihn befähigt, gefühlten unrechten Situationen stets mit überraschender Kreativität zu begegnen. Im Kleinen innerhalb der Gemeinschaft seinen Brüdern gegenüber, fallen mir viele Beispiele ein. So konsequent er sich selbst gegenüber war, so einfühlsam konnte er zu den Brüdern sein, den Kranken oder auch nur schwachen Brüdern, die z. B. das Fasten nicht aushalten konnten. Da ist er aufgestanden und hat mit ihnen gegessen.

Gewaltlosigkeit

Im Großen möchte ich aus vielen Beispielen den Aufruf des Papstes zum Kreuzzug in das hl. Land erwähnen, dem er und seine Brüder sich anschließen sollten. Dem Papst hatte er Gehorsam versprochen. Franziskus nimmt tatsächlich teil. Aber er, der sich für Gewaltlosigkeit entschieden hat, bleibt sich treu. Er nimmt ohne Waffe teil, zog unglaublich viel Spott und Hohn auf sich, bewirkte jedoch bis heute geradezu etwas Unfassbares. Es gelang ihm, ohne Waffe eine Begegnung mit dem Sultan, dem erklärten Feind. Und es fand ein Gespräch, ein Austausch zwischen den Religionen statt mit einer Auswirkung bis heute. Heute sprechen wir von dem ersten interreligiösen Dialog. Franziskus kehrt reich beschenkt zurück. Die Begegnung hat ihn verändert. Erkennbar übernimmt er Haltungen und Einsichten. Eine Begegnung auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt.

Ein weiterer Schlüssel ist für mich sein Gottes-, Welt- und Menschenbild. Irgendwann – am Anfang seines Weges, erkennt und entscheidet er sich, es muss diesen Gott geben. Und wenn es ihn gibt, dann ist alles geschaffen und alles gleich, auf einer Ebene. Diese Einsicht muss für ihn so umwerfend gewesen sein, der in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der es den Adel gab, die guten Leute und das einfache Volk, die Minderen.

Geschwisterlichkeit

Es gibt kein Oben und Unten, kein Gut und Minder, es gibt nur Brüder und Schwestern.

Ist da ein Gott, ein Schöpfer, dann ist alles Geschaffene gleich wert, dann sind wir Geschwister, Menschen und alle Geschöpfe, einander anvertraut. Diese Einsicht war absolut neu damals, revolutionär und stellte die Welt- und Gesellschaftsstrukturen auf den Kopf. Sie tut es bis heute. Das Wort aus der Aussendungsrede Jesu, „umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt auch!“ (Mt 10,8b), wird für ihn existentiell und zutiefst selbstverständlich.

Läge nicht gerade hierin ein Schlüssel zu all den Problemen, die uns heute bedrohen und übersteigen? Zur Zeit des hl. Franziskus waren viele kriegerischen Auseinandersetzungen. Franziskus und seine Brüder, die ihm bald zahlreich folgten, entschieden sich gegen jegliche Gewalt. Bald schlossen sich ihnen so viele Laien an, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen aufhörten. – Und heute?

Unser Papst Leo und auch seine Vorgänger werden nicht müde, zu diesen Haltungen, die soeben beschrieben, aufzurufen, Geschwisterlichkeit, gegenseitige Wertschätzung, Verständnis und Mitgefühl, statt Hass und Spaltung.

Auf seiner Rückreise aus Frankreich hat Papst Leo für mich etwas Verblüffendes ausgesprochen, dass mich seither sehr bewegt.

Der Fragesteller wollte wissen, wie der Papst über das Aufkommen des Extremismus in Deutschland denkt. Ob das nicht die Einheit Europas gefährde, die er in Metz beschworen habe? Der Papst antwortete darauf nachdenklich, nach seinem Eindruck „wäre es interessant, einmal zu untersuchen“, ob es einen Zusammenhang gebe zwischen der Lage der Kirche in Deutschland und dem Aufkommen des Extremismus.

Im Augenblick seines Abschiedes sagt Franziskus zu den Brüdern:

„Was ich tun konnte, habe ich getan; möge nun Christus euch lehren, was ihr tun sollt.“

Dann segnete er sie alle, die Gegenwärtigen und die Kommenden, segnete die Stadt und Welt.

Glauben und vertrauen wir, dass wir mit unserem aufrichtigen Gehen und Handeln wirklich Welt gestalten, dass ein einziges mutiges Handeln Kreise ziehen und Welt verändern kann.

Und sind wir ehrlich: Diese innere Gewissheit, dieser Spürsinn, was mich und andere leben lässt und was Leben in mir und anderen eher blockiert, das ist uns allen gegeben!

Gib uns, Herr, Gespür und Erkennen,
dass wir erfüllen mögen
deinen heiligen und wahrhaften Auftrag. Amen.

Frieden und Heil!